Über die Wupper gehen

Napoleonsbrücke über die Wupper - Müngsten

Napoleonsbrücke über die Wupper – Müngsten

Landesweit bekannt ist die Redensart „über die Wupper gehen„, oder etwas ist „über die Wupper gegangen„. Nein, über die Wupper gehen hat keinen Bezug zur Müngstener Brücke, auch wenn sich diese über die Wupper spannt – wie etliche andere Brücken übrigens auch! Über die Wupper gehen, radeln und fahren hunderttausende täglich. Da aber diese Frage immer wieder auftaucht, wird sie auch hier behandelt. Die genaue Herkunft der Redewendung ist ungeklärt, allerdings gibt es einige mit der Region verbundene Erklärungen. Doch was bedeutet es überhaupt?

Die Bedeutung jemand oder etwas geht über die Wupper

Wenn jemand oder etwas über die Wupper geht ist es schlichtweg kaputt, tot oder unbrauchbar geworden. So kann ein Beitel genauso über die Wupper gehen wie der Hersteller von Beiteln oder der Inhaber der Firma selbst. Was einmal über die Wupper gegangen ist, ist unwiederbringlich verloren, verschwunden, zerstört oder eben tot. Und hier setzen die Versuche an, mit der man heute die Redewendung zu erklären versucht.

Herkunft der Redewendung jemand oder etwas geht über die Wupper

Die Wupper läuft relativ zentral durch Wuppertal. Dementsprechend gab und gibt es unterschiedliche städtische Verwaltungsgebäude je entweder auf der einen, oder auf der anderen Seite der Wupper. Mitunter gibt es auch Gebäude die über der Wupper gebaut sind oder direkt am Ufer. Wie immer man die Redewendung zu erklären versucht oder dem Volksmund an den Lippen hängt – es dreht sich immer um die Region der heutigen Stadt Wuppertal. Zwei städtischen Gebäuden kommt der Erklärung vom über die Wupper gehen besondere Bedeutung zu.

  1. Über die Wupper ins Amtsgericht
    Eine heute übliche, leicht verdauliche und nachvollziehbare Erklärung der Redewendung ist, dass man über die Wupper ins Amtsgericht ging um sich insolvent zu melden. Dies wird auch von städtischer Seite, z.B. bei Städteführungen, als Erklärung verwendet. Wer also privat oder geschäftlich Konkurs ging, der ging über die Wupper. Heute befindet sich auf Wuppertal-Eiland, Teil von Wuppertal-Elberfeld, tatsächlich das Amtsgericht Wuppertal, das Landgericht Wuppertal sowie das Arbeitsgericht Wuppertal zusammengefasst im Justizzentrum Wuppertal.
  2. Über die Wupper in den Tod
    Landgericht und Gefängnis zwischen Barmen und Elberfeld

    Landgericht und Gefängnis zwischen Barmen und Elberfeld

    Dem Volksmund nach befand sich ehemals in Wuppertal ein Gefängnis mit dem Zellentrakt auf der einen, und dem Todestrakt auf der anderen Seite – verbunden durch eine Brücke. Wer nun über die Wupper ging war also zum Tode verurteilt bzw. das Todesurteil wurde vollstreckt. Da es in Wuppertal-Elberfeld bis in die 90er Jahre tatsächlich ein wuppernahes Gebäude gab welches früher ein Gefängnis war, ist diese Erklärung als Herkunft des Sprichworts zumindest möglich, allerdings war die Anordnung etwas anders. Im Amtsgericht Wuppertal, welches 1852 in Wuppertal-Eiland auf die „Gerichtsinsel“ zog, wurden tatsächlich Todesurteile gesprochen, welche bis 1912 im Gefängnis in Wuppertal-Bendahl mit dem Fallbeil vollstreckt wurden. Bendahl lag auf der anderen Seite der Wupper, verbunden durch eine Brücke. Es spannte sich also nicht ein Gefängnis über die Wupper, wo der Todestrakt auf der anderen Wupperseite lag. Das ganze Gefängnis, welches etappenweise in den Jahren 1863/64, 1879/71 und 1878/79 errichtet wurde, war durch die Wupper (bzw. genaugenommen einen Wupperarm) vom Gericht getrennt und durch eine Brücke verbunden.
    Heute befinden sich auf dem Gelände des ehemaligen Gefängnisses die Deuschlandzentrale der Handelskette WAL-Mart sowie ein Elektrofachmarkt.
    Auf der Seite der JVA Vohwinkel, in welche das Gefängnis Bendahl 1980 übergegangen ist, finden sich einige historische Fakten und Bilder.

  3. Über die Wupper in das Konzentrationslager
    In Zeiten des Nationalsozialismus gab es in Wuppertal ein Konzentrationslager in einem Wuppertaler Außenbezirk Kemna, welchem ebenfalls nachgesagt wird auf der „falschen“ Seite der Wupper gestanden zu haben. Wer nun über die Wupper ging kam nach Kemna. Zwar kann man von Zeitzeugen heute durchaus noch hören dass es die Redewendung „Du kommst nach Kemna“ für ungezogene Kinder gab, ein Bezug zur Herkunft der Redewendung über die Wupper gehen lässt sich jedoch kaum herstellen.
  4. Über die Wupper ins Armenviertel
    Wuppertal verläuft sich orientierend an der Wupper geografisch im Groben von Nordosten nach Südwesten. Dabei kann man sich Wuppertal wie eine Badewanne vorstellen dessen Nord und Südhänge bebaut – und von der Wupper im Tal getrennt sind. Die Nordhöhen Wuppertals waren durch die längere Sonneneinstrahlung schon immer beliebtes Rückzugsgebiet für die zahlreichen Fabrikanten, die aufgrund der sonnigeren Lage dort bevorzugt Grundstücke gekauft, ihre Villen und Parks angelegt haben. Der bekannteste ist sicherlich der der Hardt-Park. Gerade in den Wintermonaten bekommen die südlichen Tallagen Wuppertals wenig Licht. Wer nun wirtschaftlich in Schwierigkeiten kam und gezwungen war sein Anwesen auf der Nordseite Wuppertals zu veräußern musste über die Wupper zur günstigeren Südseite übersiedeln. Das Problem dieser Erklärung ist natürlich, dass man bei wirtschaftlichem Aufstieg genauso über die Wupper ging – nur halt von der schattigen Süd- auf die sonnige Nordseite. Allerdings muss man ihr zugute halten, dass sich diese Erklärung immerhin einer guten, und einer schlechten Seite der Wupper bedient.
  5. Über die Wupper zur eigenen Beerdigung
    Immer wieder hört man auch die Legende über die Wupper geht man wenn man gestorben ist auch im wahrsten Sinne, da es in Wuppertal ein Friedhof „auf der anderen Seite“ der Wupper gegeben haben soll. Hier stellt sich auch wieder die Frage welche die richtige, und welche die falsche Seite der Wupper ist, denn gesiedelt wurde seit jeher auf beiden Seiten. So ist auch dieser Legende wenig tatsächlichen Wert beizumessen.
  6. Fahnenflucht über die Wupper
    Eine spannende, da tatsächlich historisch befeuerte Erklärung ist die, dass Fahnenflüchtige im wahrsten Wortsinn über die Wupper gingen. Die Wupper war im Bergischen Land eine natürliche Grenze (und ist es teilweise noch heute!). Vom 12 Jahrhundert an war die Wupper um Wuppertal herum die Grenze zwischen der Grafschaft Mark im Norden, und dem Herzogentum Berg, welchem das Bergische Land seinen Namen verdankt, im Süden. Beide Territorien waren Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Im 18. Jahrhundert dann soll es dann der König von Preußen, Friedrich Wilhelm I. gewesen sein, der seine Versallen nach Mark ausschwärmen ließ um junge Männer für den Kriegsdienst zu rekrutieren. Diese sollen dann über die Wupper ins Herzogentum Berg nach Barmen ins Exil geflüchtet sein um dem Kriegsdienst zu umgehen. Um die Legende auf die Spitze zu treiben sollen es dann auch noch genau diese kräftigen jungen Männer gewesen sein, die die II. Industrialisierung im Bergischen Land vorantrieben.In dem Schauspiel „Die Wupper“ von Else Lasker-Schüler, welches 1919 in Berlin uraufgeführt wurde, kommt diese Thematik sowie die Redewendung ebenfalls vor und möglicherweise sorgte dieses Stück für die überregionale Bekanntheit.

Über die Wupper oder über den Jordan – Sprichwort geklaut?

Noch bekannter als die Redewendung über die Wupper zu gehen ist die Redewendung etwas sei über den Jordan gegangen, was bekanntermaßen ebenfalls ein Fluss ist, und beide Redensarten haben den selben Impetus. So ist am wahrscheinlichsten, dass es sich bei über die Wupper gehen schlicht um eine regional eingefärbte Variante der Redensart über den Jordan gehen handelt. Dessen Herkunft kennt man allerdings; sie stammt aus der christlichen Literatur und ist ein symbolisches Sprachbild für den Eintritt ins Himmelsreich – da der Jordan die Wüste vom Gelobten Land trennte und die Israeliten von der Wüste über den Jordan ins Gelobte Land einzogen.

Die Wupper - Amazonas des Bergischen Lands

Die Wupper – Amazonas des Bergischen Lands

Dass man sich gerne derartig bedient hat der WDR mit seiner empfehlenswerten Dokumentation Film Die Wupper – Amazonas des Bergischen Lands noch einmal unterstrichen (auch als Buchversion erhältlich). Und wer weiß, vielleicht nennt man die Wupper irgendwann ja Amazonas und weiß gar nicht warum?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *